Walter Gropius gründete das Bauhaus vor hundert Jahren, im April 1919 in Weimar. Es war damals eine von mehreren, im Dunstkreis der „Neuen Sachlichkeit/ Neues Bauen“ neu entstehenden Designschulen und Architektengruppen ( wie z.B. „Neues Frankfurt“, „De Stijl“). Die Schule begann in der Nachfolge der Großherzoglich Sächsischen Hochschule für bildende Kunst und der 1915 geschlossenen Kunstgewerbeschule Weimar.
Aber was hat das „Bauhaus“ nun mit Lichtenberg zu tun, außer, das in Hohenschönhausen (das allerdings damals noch zu Weissensee gehörte) 1932 das kleine „Haus Lemke“, heute auch stolz „Mies van der Rohe-Haus“ genannt, als einzigem „anerkannten Bauhaus-Bau“ steht?
Anders gefragt: Besteht eine Gefahr, dass anlässlich des 100-jährigen Jubiläums die Marke „Bauhaus“ alles andere an Architektur-Moderne hier in Lichtenberg, zum Beispiel, die Wohnanlage „Sonnenhof“ im Weitlingkietz (ab 1926) von dem heute kaum noch bekannten Architekten Erwin Anton Gutkind, unter sich zu begraben droht?
Im Rahmen des Bauhaus-Jubiläums wird vor allen Dingen versucht, das Avantgardistisch-Flippige des Bauhauses hervor zu heben, obwohl es in seiner Entstehung ab 1912 nicht viel mit dem späteren Bauhaus zu tun hatte, tanzen kosmopolitisch-geometrische Menschen z.B. wieder zu Oskar Schlemmers Triadischem Ballett, auch wenn das nur mal kurz, zu Bauhaus-Ausstellung 1923 aufgeführt wurde. Die Realität ist oft viel differenzierter als Jubiläen es nahelegen.

Fairerweise muss man aber sagen, das aktuell auch Texte zu finden sind, die am heiligen Mythus der Schule etwas kratzen, sofern man denn danach sucht: https://www.deutschlandfunk.de/100-jahre-bauhaus-entzauberung-des-mythos-walter-gropius.691.de.html?dram:article_id=437602

Das Bauhaus, wie die gesamte Architektur-Moderne, fiel nicht vom Himmel, es gab bereits viele gelegte Fundamente:
Internationale, wie z.B. den Hochhausbau der Chicagoer Schule (Louis Sullivan) ab ca. 1885 mit seinem neuartigen Stahlskelettbau.
Nationale, wie die Bestrebungen des Deutschen Werkbundes zur Verbindung von Kunst und Industrie ab 1907 und auf der anderen Seite ca. um 1909 die Kampfschrift „Ornament und Verbrechen“ vom Architekten Adolf Loos.

Viele Beispiele stehen aber auch hier in Lichtenberg: Angefangen bei all den Versuchen des Bauens mit dem relativ neuen Werkstoff Beton in Deutschland z.B. ab 1872 bei uns in Berlin-Rummelsburg in der Victoriastadt mit ihren Schlackebeton-Häusern oder dem Portland-Cement-Haus in Karlshorst ab 1901 (https://www.morgenpost.de/berlin/merkwuerdig/article104936001/Die-Baukasten-Villa.html).
Der eigentliche Anfang des industriellen Bauens mit vorgefertigten Betonplatten lag dann etwas später (in Berlin ab ca. 1926 in der heutigen Splanemann-Siedlung in Friedrichsfelde). Das war allerdings alles kein direkter Bauhaus-Stil, sofern es den überhaupt gibt, aber im weitesten Sinne gehörte es alles zum Neuen Bauen mit dazu.
Nach etlichen Anfeindungen gegen die bisher betont linke Schule ließen die Nationalsozialisten zuletzt dann die Architekturprivatschule von Mies-van-der Rohe in Berlin-Lankwitz, als letztem Bauhaus-Standort (ab 1932), schon wieder 1933 schließen. Damit war die Bauhaus-Schule Geschichte und der Mythos begann.

In Ost wie in West wird das Bauhaus von vielen heute immer noch als größtmöglicher architektonischer Gegensatz zu der als zurückgeblieben angesehenen nationalsozialistischen Kunst- und Architekturauffassung gesehen. Dabei gibt es aus der Epoche der modernen Reform-Architektur, nach dem Historizismus, viele Berührungspunkte der unterschiedlichsten neuen Architekturstile, so ab 1900. Auch nach 1933 ergab sich später durch die Weiterbetätigung von einigen Bauhaus-Schülern während des Dritten Reiches (https://www.deutschlandfunk.de/bauhaus-und-ns-design-es-gibt-kein-an-sich-gutes-design.807.de.html?dram:article_id=437783) wesentlich mehr an Differenzierung in der Architektur, als viele wahr haben wollten.

Unterscheidet sich z.B. das Knorr-Bremse-Gebäude (ehem. Hasse & Wreede) im damals auch noch zu Lichtenberg gehörenden Berlin-Marzahn (Albert Speer mit Baustab) wesentlich von anderen Bauwerken des Neuen Bauens? Viele Architekten aus dem Arbeitsstab für den Wiederaufbau bombenzerstörter Städte, der noch während des Krieges, nordöstlich von Berlin in Wriezen zusammen kam, wirkten ab 1945 dann real am Wiederaufbau der Bundesrepublik mit. Dieser Wiederaufbau erfolgte in Ost wie in West überwiegend im Stil des Neuen Bauens (https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitsstab_für_den_Wiederaufbau_bombenzerstörter_Städte).
Dagegen waren die DDR-Kommunisten (Ulbricht etc.) von der „kosmopolitischen“ Bauhaus-Architektur erst mal gar nicht sonderlich angetan, weshalb die Stalin-Alle in unserem Nachbarbezirk Friedrichshain vom DDR-Chef-Architekten Hermann Henselmann und seinem Stab ab 1951, angelehnt an den vorherrschenden Bau-Stil der Sowjetunion, erstmal noch in Neoklassik gebaut werden musste.
Aus den gleichen Gründen wurde ein moderner Sieger-Entwurf des Städteplaners des Neuen Frankfurt, Ernst May, für das Gebiet um den Lichtenberger Fennpfuhl von 1956/57 nie realisiert.
Ist das ein antitotalitärer Bonuspunkt für das Bauhaus? Nicht ganz, denn 1970-86 wurde die Großsiedung Fennpfuhl dann doch gebaut,- anders als in Ernst May’s Entwurf, aber nicht weniger modern, man nannte das aber nicht mehr Bauhaus, sondern schlicht nur „Großtafelbauweise“.

Es gab zweifelsohne auch das sehr Extravagante am Bauhaus, aber die Schule von 1919-1933 war mehr als z.B. nur die leicht esoterischen Anfangsjahre mit Lehrern wie Johannes Itten; und sie war auch mehr, als die inzwischen heiligen Designprodukte, wie Breuers Stahlrohrstuhl oder Wagenfelds Lampe und Wohnungsklassiker für das moderne Großbürgertum, wie z.B. das Haus Lemke in Berlin-Hohenschönhausen.

Vor allem unter seinem kommunistischen Direktor, Hannes Meyer (Leitung: von 1928-30) ging es dem Bauhaus als linke Schule immer auch darum, preiswert für benachteiligte Menschengruppen Wohnraum bereitstellen zu können. Dafür lässt man sich auch heute noch gerne als „sozial“ loben.

Mit den negativen Folgen des Neuen Bauens, die auch in unserem Bezirk nicht zu übersehen sind und weltweit in Ost wie in West in tristen Satellitenstädten und Plattenbau-Gebirgen mit ihren sozialen Problemen gipfelten. Heute will man mit dem „heiligen“ Bauhaus dagegen ungern in Verbindung gebracht sehen. Würde die Aura der Avantgarde durch „Prolls aus der Platte“ gestört werden?
Das Bauhaus hat einerseits das Problem, eine klare Abgrenzung zum Internationalen Stil, zur Neuen Sachlichkeit oder zum Neuen Bauen herzustellen, wodurch nicht so recht klar ist, was denn nun DAS Bauhaus konkret ausmacht – außer irgendwie halt auch zur nüchterne Moderne zu gehören, nur eben von den grandiosen Lehrern oder Absolventen der Bauhaus-Schule.
Andererseits steckt heute offenbar fast überall etwas Bauhaus in modernen Bauten mit drin, also, praktisch in jedem Lichtenberger oder Marzahner Plattenbau. Etwas was überall ist, das ist aber nicht mehr besonders. Wo ist das Bauhaus also heute hin?

Es ist kaum irgendwo so richtig da – aber fast überall ein bisschen.

Es wäre schön, wenn zumindest nach dem Bauhaus-Jubiläum ab 2020 gerade die in Deutschland wohl einmalige Architekturmoderne in Lichtenberg (und ehemals Lichtenberg) endlich auch von der Kommunalpolitik wieder in ihrer ganzen Vielfalt gesehen und gebührend touristisch beworben werden würde.