gender

»Gendrifizierung« ist ein Begriff, der die Vorsilbe Gender mit der Gentrifizierung verbindet; also jener Umwälzung, wie man sie in Stadtvierteln wie Kreuzberg beobachten kann. Mit der Gentrifizierung hat die Gendrifizierung vor allem eines gemeinsam: Es findet eine Umwälzung statt. Hier in einer Stadt, deren Bevölkerung aus einem Stadtteil in andere Stadtteile weggeschafft wird; dort in der Sprache, die durch eine Reihe von Änderungen ohne Rücksicht auf Sprachgefühl und Ästhetik einem ideologischen Anspruch angepasst wird.

Die Gendrifizierung ist ein Prozess, angestoßen von Ideologen, die sich als Verfechter einer Gerechtigkeit zwischen den beiden Geschlechtern verstehen. Unter den Titeln Gendermainstreaming und Genderbudgeting versucht man, in allen möglichen Bereichen des Lebens, eine Gleichverteilung von männlich und weiblich von 50% zu erreichen. Geschlechtergleichverteilung wäre daher die korrekte Bezeichnung.

Hier in Lichtenberg legt man sich seit einigen Jahren besonders ins Zeug. Dirigiert von der Verwaltung werden Sportvereine, Musikschulen und Bibliotheken – um nur einige zu nennen – auf die halbe-halbe Marke getrimmt. Hier muss dann mal ein Fußballplatz einem Feld für Volleyball weichen; dort wird in Musikschulen ein Schlagzeug mehr aufgestellt. Insgesamt aber zeigte sich zumindest bis 2010, dass die Mitarbeiter der Verwaltung mit dem Thema umgehen, wie mit allem, was als ideologisches Dauerfeuer daherkommt: Die Arbeit würde, heißt es in einer Evaluierung der Gendrifizierung aus dem Jahre 2010, »lediglich noch das Abfassen von Berichten bedeuten«1 . Das Resümee der Mitarbeiter fiel eindeutig aus: »Schrecklich langweilig« sei das Abfassen von Berichten gewesen.

Vielleicht war diese Langweile, die jeder aus ideologischen Schulungen, egal ob von Katholischen Kirche oder Sozialistischen Parteien organisiert, kennt, ja der Grund, dass man in Lichtenberg eine neue Variante genderpolitischer Willkür erfand. In einem Antrag auf Änderung der Geschäftsordnung der Lichtenberger Bezirksverordnetenversammlung wurde von den Sozialdemokraten als neuer Absatz zu §23 gefordert: »In der Tagesordnung sollen nur Drucksachen behandelt werden, die eine gegenderte Sprache, also eine Berücksichtigung der Geschlechter, beachten.« Und die Grünen, gar nicht faul, ergänzten §26 um den folgenden Passus: »In der weiteren Aussprache erteilt der/die Sitzungsleiter/in das Wort abwechselnd an eine Frau und einen Mann in der Reihenfolge der Wortmeldungen.«

Dieses Abwechseln zwischen Mann und Frau, im Beamtendeutsch als »quotierte Redeliste« bezeichnet, hielten die Mannen und Männinnen der antragstellenden Fraktionen wahrscheinlich für sehr originell. Im Herbst 2016 mit der ersten Sitzung eingebracht, konnte der Antrag mit Zustimmung rechnen; im April 2017 nahm die BVV die Änderung an. Von den Grünen wurde dieses Ereignis gefeiert, denn eine »quotierte Redeliste ermutigt Frauen, sich und ihre Sichtweisen einzubringen«. Ginge es nach den Grünen, würden solche Quotierungen auch in anderen Bereichen schnell eingeführt. »Wir brauchen eine Redequote für Frauen«, heißt es. »Dass die Quote nervt ist ein Zeichen dafür, dass sie dringend gebraucht wird.« 2 Ein Schluss, der bemerkenswert ist; denn jeden Tag nerven drängelnde Fahrgäste und Hundehaufen am Wegrand aufs neue.

Indes sitzt mit der AfD eine Partei in der Versammlung, die sich mit derlei linksgrüner Gedanken- und Redekontrolle nicht abfinden wollte und will. Der ganze Vorgang wurde publik. Außerdem trat die von den Sozialdemokraten geführte Senatsverwaltung für Inneres und Sport auf den Plan. Einer ihrer Juristen attestierte dem Ansinnen einer quotierten Redeliste einen in jeder Hinsicht fehlenden Sinn für Recht, Gesetz und – besonders peinlich für die Grünen – Gleichberechtigung. Wessen Geistes Kind der Antrag tatsächlich ist, erkennt man aus den Einwänden des Juristen: »Weibliche Bezirksverordnete werden bei einer Wortmeldung darüber hinaus sogar dazu gezwungen, als erste überhaupt sprechen zu müssen.« Und weiter: »Ich habe erhebliche Zweifel, ob die „quotierte Redeliste“ überhaupt geeignet ist, dass sich weibliche Bezirksverordnete häufiger an Debatten beteiligen.« Sie könnten »ungeübte Rednerin sogar eher davor zurückschrecken, sich zu Wort zu melden, da sie die „quotierte Redeliste“ dazu zwingt, als Erste im Plenum sprechen zu müssen, während sie vielleicht gerade beabsichtigt hatte, zunächst einmal den Sitzungsverlauf zu verfolgen, um entsprechend auf Beiträge im Plenum reagieren zu können.« 3Nichts als Zwangsmaßnahmen also. Sozialdemokraten und Grüne wollen aber nicht nur den gewählten und damit per Definition mündigen Bürger erziehen – selbst die Frauen werden von ihnen gezwungen zu reden.

Die juristischen Einwände waren denn doch zu viel des Guten. Nach einem letzten vergeblichen Versuch des Bezirksbürgermeisters Grunst, die Änderung juristisch zu retten, wurde sie nunmehr kassiert. Am Ende erreichte die AfD also doch, was sie von Anfang an wollte: Diese Zwangsmaßnahmen zu unterbinden. Parteien und ihre Abgeordneten haben dem Bürger nicht vorzuschreiben, was er sagt oder denkt. Sie sind keine Umerzieher, sondern Diener des Volkes. Das müssen SPD, Linke und Grüne wohl noch lernen – die Alternative für Deutschland hilft ihnen gerne dabei.

1 Dr. Regina Frey: Gender Mainstreaming in Lichtenberg; Evaluationsbericht 2010

2 Tagesspiegel, online 16.06.2017; http://www.tagesspiegel.de/berlin/geschlechtergerechtigkeit-inder-bvv-wir-brauchen-eine-redequote-fuer-frauen/19940856.html

3 aus den Schreiben der Senastverwaltung für Inneres und Sport, 9.06.2017