dem deutschen volke

I.

Immer, wenn ein Gegenüber sagt, er wäre ein Patriot, zuck ich unwillkürlich zusammen. Schlägt er sich dabei auf die Brust, dann ist ihm ein bedenkliches Kopfschütteln meinerseits sicher. Denn Deutschland macht es einem als Vaterland nicht so ganz leicht. Es scheint so schwierig zu sein, wie die Muttersprache der Deutschen. Sich mit Deutschland als einer Art Vaterfigur zu identifizieren, ist daher ein Unterfangen, das, weil es so schwerfällt, viel Herzblut verlangt.

Das war nicht immer so. In vergangenen Zeiten bezeichnete man sich in Deutschland von Links- bis Rechtsaußen wie selbstverständlich als Patrioten. Erst beginnend mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das anders. Und in den letzten Jahren ist es Mode geworden, dem deutschen Vaterland ganz abzuschwören. Das Wort »Patriotismus« ist verdächtig geworden; so verdächtig, dass es im Bundesprogramm der AfD nicht ein einziges Mal genannt wird.

Dabei täten gerade wir gut daran, Position zu beziehen. Wir müssen den Begriff der Vaterlandsliebe erklären. Einmal gegenüber dem politischen Gegner; dann der Öffentlichkeit gegenüber; aber auch und vor allem unseren eigenen Leuten. Nur so beugen wir Ausrutschern vor, die aus einer undeutlichen und damit bieg- und verbiegbaren Begriffsbestimmung resultieren. Mit einem klaren Begriff von Patriotismus schiebt uns keiner mehr in eine Ecke, in die er uns, aus welchen Gründen auch immer, hineinstellen will.

Patriotismus, Vaterlandsliebe – da hätten wir zunächst zu erklären, was das denn ist, von dem wir hier reden, von dem wir sagen, dass es geliebt wird oder geliebt werden könnte: Das Vaterland. Umgehend stoßen wir auf die alte, beliebte und immer wieder umkreiste Frage: »Was ist des Deutschen Vaterland?« Seit Moritz Arndt sie 1813 in einem Lied formuliert und mit immer der gleichen Zeile beantwortet hatte: »Sein Vaterland muss grösser sein!«; seit jenen Tagen beschäftigt sie uns. Einerseits geographisch; aber andererseits auch kulturell. Denn die Lage des Landes hat sich seit jenen Tagen wieder und wieder verändert. So wird aus der Frage nach dem Vaterland schnell die Frage nach dem, was deutsch denn nun eigentlich sei. Eines steht dabei fest: Eine deutsche Kultur gibt es und hat es in den vergangenen Jahrhunderten immer gegeben. Und es braucht schon einen Ötzi aus einem Tal in den anatolischen Bergen, um das zu leugnen.

»Was ist deutsch?« – Wagners Frage kennt viele Antworten und jede hat gute Gründe für sich. Da ist ganz zuerst die deutsche Sprache. Doch was sag ich zuerst. Die Musik wäre auf gleicher Stufe zu nennen, denn in ihrer abstraktesten und zugleich sublimsten, weil sprachlosesten Form stammt sie ganz zuerst aus dem deutschen Kulturraum. Wie kann man da ernsthaft bestreiten, sie wäre nicht auch typisch deutsch? Und falls Hermann Hesse recht hat, wenn er sagt, dass die Musik, also die sogenannte klassische Musik am Ende vielleicht das einzige ist, was die westliche Welt der Welt hinterlässt – dann hätten die Deutschen sich in die Ewigkeit eingeschrieben.

Natürlich zählt auch die Liebe zur Weisheit zu den Eigenschaften, die man typisch deutsch nennen kann; philosophisch gedacht wird zwischen 1780 und 1890 alles Wesentliche auf Deutsch. Und wie sie deutsch war, diese Philosophie; in höchste Regionen und tiefste Abgründe verführte der Deutsche Idealismus seine Denker; darin vergleichbar einer Literatur, die der deutschen Innerlichkeit ihren sprachlichen Ausdruck verlieh.

Nicht ganz so bekannt aber nicht weniger dem intensiven Denken verpflichtet sind die deutschen mathematischen und logischen Denker. Denkerische Extreme auch hier. Bernhard Riemann verlässt den Raum der Anschauung und stösst vor in ganz anders zu vermessende Räume; Cantor überschreitet das Unendliche hin zu Unendlichkeiten – ausdrücklich Plural; Gottlob Frege zielt aufs Große und Ganze allen Rechnens mit Zahlen; Kurt Gödel erreicht schließlich die Grenzen des formal beweisbaren Denkens und führt damit die Mathematik an einen Abgrund. Riemann, Cantor, Frege und Gödel – sie alle haben auf Deutsch und im gewissen Sinne auf deutschen Wegen gedacht: Sie teilten die Sehnsucht nach der Überschreitung von Grenzen und paarten sie mit logischer Schärfe. Schon stoßen wir auf Eigenschaft, die man seit längerem ebenfalls, aber mit einem Naserümpfen typisch deutsch nennen würde: Genauigkeit, Ordnungsliebe und Pedanterie. Ist nicht der ganze Reichtum und die immer wieder auch unglückselige Größe Deutschlands im Grunde bis heute seiner in der Welt gerühmten Ingenieurskunst geschuldet? In der Wissenschaft ist es nicht anders. Zwischen 1901 und 1932 gehen zumindest jene Nobelpreise, die man ernst nehmen kann, am häufigsten an Forscher aus Deutschland.

All diese Dichter und Komponisten, Denker und Logiker – sie stammten aus und wirkten in Deutschland. Ihre Namen sind mit Städten verbunden wie Weimar, Jena und Leipzig. Sind sie dann aber nicht auch mit diesen Landen verbunden? Sind nicht wir auch mit diesen Landen verbunden, innig verbunden? – Nehmen wir Jena. Die Stadt war für mich einerseits die Wirkungsstätte von Hegel, Frege und Zeiss. – Ich sagte es schon, auch die Ingenieure gehören zu Deutschland. – Jena war mir also geläufig. Aber zugleich war es weiter weg als Paris, London oder Venedig. – Ja, ich bin aus dem Westen. – Dann rückte es näher. Heute ist mir der Hochhausturm in der Mitte der Stadt ein einziger Graus. Jena ist Teil meiner inneren, sozusagen seelischen Landkarte geworden. Ihre ästhetische Verletzung durch architektonische Schamlosigkeiten erlebe ich als köperliche Verletzung.

Dieses, unser Land liegt mir am Herzen; ich liebe seine Kultur. Und doch bleibt das Zurückschrecken beim Wort Patriotismus, von dem ich anfänglich sprach. Liebe ich also mein Land nicht? – Schwer zu sagen; es ist ja nicht einmal geklärt, um welche Art von Liebe es denn eigentlich geht, wenn Vaterlandsliebe propagiert oder verdammt wird.

II.

Vaterlandsliebe – alle Welt hält sich beim Vaterland auf und vergisst zu fragen, welches Gefühl es denn ist, das uns umgibt, wenn wir das Vaterland lieben. Was also hat es auf sich mit dieser Liebe, mit der Liebe zu einem Land? An dieser Stelle wird gerne der ehemalige Bundespräsident Gustav Heinemann zitiert, der auf die Frage: »Lieben Sie dieses Land?«, gesagt haben soll: »Ich liebe meine Frau.« Es wird also, insbesondere von selbsternannt kritischen, will heißen vernünftigen Geistern, kategorisch geleugnet, dass es eine Liebe zu einem Land geben kann.

Aber hier beginnt schon das politische Alltagsgeschäft. Denn Heinemann wird fast immer verkürzend zitiert. Tatsächlich hatte der »Spiegel« gefragt: »Lieben Sie diesen Staat?«. Worauf Heinemann sagt: »Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau; fertig!« – Es war also vom Staat, genauer von Staaten die Rede und nicht von einem Land. Ohne zu wissen, was Heinemann tatsächlich gesagt haben würde, darf ich vermuten, dass er auf die Frage, ob er sein Land lieben würde, anders geantwortet hätte; womöglich hätte er auf einen ewig papierenen Verfassungspatriotismus verwiesen.

Nun gut, wir wissen es nicht. Aber die Frage, ob wir einen Staat lieben können gar sollten, wird wahrscheinlich öfters skeptisch beantwortet werden. Einen Staat liebt man nicht. In einem Staat findet man seine Ernährungsgrundlage. Der Staat sorgt für die kulturelle Umgebung. Von einem Staat wird man beschützt. Den Staat würde man im Fall der Bedrohung beschützen, womöglich sein Leben riskieren. – Aber ist denn das keine Liebe?

Also noch einmal: Welche Art Liebe ist die Vaterlandsliebe? – Gehen wir noch einmal zum Anfang zurück. Die Sprache gilt als das, was wir am sichersten bezeichnen mit: Es ist deutsch. Und ich denke, jeder hier wird sagen: Er liebt seine Sprache. Nur dass es nicht meine ist. Die Sprache ist immer unsere, unsere gemeinsame Sprache. Also lieben wir etwas, an dem alle teilhaben können. Wir fördern sie, diese Sprache. Wir sind empört über jene, die sie mit allem möglichen unästhetischen Blödsinn verhunzen. Und wenn Poltiker der Grünen oder der Sozialdemokraten wie selbstverständlich von uns erwarten, wir hätte Arabisch zu lernen und nicht etwa die Gäste aus Arabien Deutsch, dann zeigt uns das eine hohen Grad von kalter Distanz zu unserem Land. Hier will jemand das Band zwischen den Bürgern des Landes zerschneiden: Ihre gemeinsame Sprache.

Dann ist da die Landschaft. Sie ist das, was heute nurmehr unter technischen Aspekten in einen globalisierten Begriff von Natur- und Umweltschutz eingeht. Norddeutschland ist aber nicht das gleiche wie die Südküste Japans. Es ist der Norden Deutschlands mit seinem besonderen Licht und als solcher eine sinnliche Freude. Er ist durch nichts zu ersetzen. Und seine Vernichtung durch tausende Windkraftwerke würde ich auch nicht dadurch weniger schmerzhaft empfinden, wenn der energiepolitische Zweck etwas höher anschlagen würde. Dass er das nicht tut macht die Sache dann wirklich schlimm. Die geliebte Landschaft ist fürs erste verloren. Und ich spüre: Von mir selber geht etwas verloren.

Aber ganz zuerst sind da natürlich jene, die sich in diesem Land als Deutsche verstehen und dazu stehen. Mit ihnen sind wir verbunden. Sie können und werden uns nicht gleichgültig sein. Vaterlandsliebe umgreift auch die Bürger an unserer Seite. – Und was ist mit den anderen Leuten? Es müssen ja nicht gleich jene sein, die dieses Land am liebsten abschaffen möchten. Doch viele interessieren sich nicht für dieses Land. Sie gehen mit ihm um, als sei es die größte Selbstverständlichkeit dieser Welt, dass es auch morgen noch so sein wird, wie es ist. Gilt ihnen unsere Vaterlandsliebe? – Das hängt davon ab. Es hängt davon ab, was man unter Vaterlandsliebe versteht.

Drei Grundformen der Liebe werden für gewöhnlich genannt. Eros, Philia und Agape. Eros – die durch ein starkes Begehren ausgezeichnete Liebe zu einem Objekt. Phila – die Freundesliebe, die im gegenseitigen Verstehen ihr höchstes Ziel sieht, im Verstehen als Symbol für seelische Einheit. Und Agape – die Bereitschaft den anderen ohne Frage nach eigenem Nutzen zu fördern, sich im schlimmsten Fall selbstlos zu opfern.

Die Vaterlandsliebe hat etwas von allen. Das geliebte Land ist Objekt des Begehrens, bringt Momente seelischer Einheit, ihm widmen wir uns mit ganzem Herzen und Hirn. Diese Liebe lässt sich scheinbar nur schwer in eine Schublade zwingen. Und so sind wir kaum schlauer als vorher. Doch eben sie, diese Vielschichtigkeit, hat sie, die Vaterlandsliebe, mit einer anderen Liebe gemeinsam: Der Liebe zu den eigenen Kindern.

Wie, die Kinder sollen eine Art Vaterland sein? – Aber natürlich. Und warum denn auch nicht?

Eltern wissen um die tiefe Verbindung zu ihren Kindern. Sie haben sie zur Sprache geführt, zum Singen, zum Lesen, schließlich zum Denken. Sie leben für länger gemeinsam mit ihnen zusammen; sie erscheinen als Teil des eigenen Selbst. Und Aufopfern – Aufopfern würden sich die meisten Eltern noch allemal für ihre Brut.

Sicher, Vaterlandsliebe und Liebe zu den eigenen Kindern sind nicht das Gleiche. Das Vaterland mit seiner Kultur und seinen Traditionen gibt uns einen Rahmen, während es bei den eigenen Kindern deutlich umgekehrt ist. Aber wie oft erkennen wir uns erst wieder in unseren Kindern? Sie bringen durch ihre Arten und Weisen eigene Züge zum Vorschein, die ich hinzunehmen bereit bin, eben weil ich es liebe, das Kind.

Ist es beim Vaterland nicht eigentlich ähnlich? – In seinen Wesenszügen, in dem was das Vaterland ausmacht, entdecken wir Eigenschaften von uns. Das kann, muss aber nicht zu Hause geschehen. Aber wenn einem das erste Mal im Ausland einer sagt, wie typisch deutsch man doch tatsächlich sei, dann kristallisieren sich Eigenschaften heraus, die man vorher nicht sah. Ob man sie mag, das steht auf einem anderem Blatt. Aber das Vaterland und seine Marotten werden so zum Spiegel des eigenen Selbst. Und wer sein Vaterland liebt ist, wie bei den eigenen Kindern, eher bereit, in deutscher Humorlosigkeit oder deutscher Pedanterie womöglich einen tieferen Sinn zu erkennen.

Vaterlandsliebe hat etwas von der Liebe zu den eigenen Kindern. Doch damit ist nicht die Liebe jener Eltern gemeint, die bei jedem neuen Wort ihres Sprösslings »Hurra« schreien möchten. Klar freut man sich über die Leistung der Kinder. Aber ständig und laut ausgesprochen klingt ein Jubellob blöd; übertroffen nur von dem eigens betonten »Ich liebe mein Kind« – als wäre das nicht das Selbstverständlichste von der Welt.

Besonnene Eltern zucken zusammen, wenn sie solches oder ähnliches hören; es ist ihnen peinlich. Aber sie wissen noch mehr. Sie wissen um eine Besonderheit der Liebe zum eigenen Kind, die dem Liebesbegriff, wie ich ihn oben beschrieben habe, konträr ist. Sie, diese Besonderheit, erscheint immer dann, wenn ein Kind nicht mehr tut, was wirklich oder vermeintlich gut für es ist. Dann wird es unter Umständen schwierig; schlimmstenfalls verrät es all das, was wir schätzen.

In diesem Fall hilft die anerkennende, begeisterte Liebe, die heute zum Kleingeld hurrapädagogischer Eltern verkommt, nicht weiter. Wir müssen es andersrum angehn. Ohne dass wir vergessen, dass es Fleisch von unserem Fleisch ist, greifen wir ein und bringen es auf die ein oder andere Art zurück in die Spur – zumindest versuchen wir es. Und selbst wenn das heute keiner mehr hören will: Auch das ist Liebe zu den eigenen Kindern. Sie ist nicht am Wohlgefühl des Augenblicks orientiert, sondern am Gesamtwohl des Kindes. Sie fühlt sich kühl an, ist sie im Ernstfall nicht selten aus der Verzweiflung über die Abwege jener gespeist, an denen wir hängen. Wir haben es mit einer schwierigen Liebe zu tun.

III.

Die Liebe zu Deutschland ist auch so eine schwierige Liebe. Schon im Kaiserreich gab es den ein oder anderen Deutschen, der an den Deutschen irr werden konnte. Mit der Machtergreifung und den Untaten des Großdeutschen Reichs begann für sehr viele eine düstere Zeit, eben weil sie ihr Deutschland eigentlich liebten. Sie haben es nicht wiedererkannt und sie haben gelitten.

Heute befinden wir uns in einer ähnlichen Lage. Denn neuerlich kehrt dieses Land hervor, was es an Ungutem birgt; ganz zuerst seine Selbstüberschätzung. Zwei Weltkriege lang glaubte es gegen den Rest der Welt an seinen Sieg. Welch ein Irrsinn. Und heute glaubt es wieder, Probleme lösen zu können, die seine Resourcen auf ähnliche Weise weit überschreiten. »Wir schaffen das«, heißt es lapidar, wenn man die politischen Führer zur Rede stellt. Es klingt fast wie vor Verdun. Und noch zwei Jahre später, nachdem auch dem letzten Mitläufer dämmert, dass damals sehr falsch gemacht worden ist, entschließt man sich, über den Familiennachzug weitere zwei Millionen sogenannte Flüchtlinge ins Land zu holen. »Auch das schaffen wir«, meint die Kanzlerin wohl, ohne es laut auszusprechen.

Ein Patriot sieht, wenn er ehrlich ist gegen sich selber: Er hat es mit Deutschland wirklich nicht leicht. Denn die aktuelle Politik kann nur so handeln, weil sie die Unterstützung der Mehrheit genießt. Vergessen wir nicht: Die Mehrheit der Deutschen unterstützt diese sogenannte Willkommenskultur. Wir stehen, wie ehedem, als die Minderheit da. Die Mehrheit hat sich wieder einmal die schlechten Seiten Deutschlands zu Herzen genommen: Hybris, die Selbstüberschätzung. In dieser politischen Form ist sie typisch deutsch. Es ist zum Verzweifeln.

Muss man ein solches Land nicht am Ende verlassen? Wie geht man um mit seiner Liebe zu diesem Land, wenn dieses Land diese Liebe nicht einmal mehr annehmen will? Wenn es vergessen hat, was es ist? Wenn es wieder einmal auf Abwegen ist und sich in einem letzten Anfall teutonischen Wahnsinns selber erlegt?

Noch einmal: Liebe zum Vaterland hat viel von der Liebe zum eigenen Kind. Wer es liebt, hält seinen dunklen Seiten Stand, ohne sie akzeptieren zu müssen. Er weiß um den Zweiten Weltkrieg und seine Verbrechen; er weiß um den Holocaust; er weiß auch um den Herbst Zwanzigfünfzehn, als dieses Land in einem Rausch egomanischen Mitleids Millionen Araber und Afrikaner ins Land kommen lässt, obwohl jeder auch nur halbwegs wache Bürger weiß, welcher Akt der Selbstzerstörung damit initiiert werden wird – in Deutschland, aber auch in Europa. Aber er weiß eben auch, dass sie, die unglückseligen Deutschen, Teil seiner selbst sind, Teil des Landes in dem er lebt, Teil einer Kultur, die auch für diese Art politischem Hasardspiel immer wieder einen Faible entwickelt.

Und mit dieser Sicht auf die Dinge versucht er, Einfluss zu nehmen. Nicht irgendwie. Und auf keinen Fall mit zu offensichtlichem Druck, der nur Starrsinn provozierte. Gelassenheit ist gefragt. Und vor allem das Wissen und das Bewusstsein, dass die meisten, die diese grundfalsche Politik unterstützen, eher Mitläufer sind. Ganz zuerst sind sie Kinder dieses Landes und dieser Kultur.

Sicher nicht alle. Einige sind nicht zu retten. Sie lieben dieses einfach Land nicht mehr. Manche hassen es insgeheim, manche ganz offen. Wieder andere haben von der Kultur gerade mal die Sprache erfahren. Seine große Musik ist ihnen fremd. Und sein Denken erfassen sie trotz aller Sprachkenntnisse bestenfalls rudimentär. Wen wunderts, dass sie eben diese Sprache für das einzige halten, was typisch deutsch sei. Etwas anderes haben sie niemals erfahren.

Aber die Mehrheit – sie gilt es mit bestimmender Umsicht gleichsam zurück in den Schoß der Familie zu führen. Was sage ich gleichsam. Das Vaterland hat etwas von einer Familie. »Right or wrong, my country«, sagen die Briten. Das gilt auch für uns. Kritik am politischen Gegner bleibt mit diesem Bewusstsein als Kritik zumindest von uns aus mit einem verbindlichen Verständnis für die andere Seite behaftet. Wir wissen: Es handelt sich bei den Wählern von Merkel um fehlgeleitete Kinder – aber um die Kinder unseres Landes.

Die Idee, den politischen Gegner als Landsmann insgeheim in die Arme zu schließen, mag irritieren, noch dazu wenn man diesen Schulterschluss als Vaterlandsliebe bezeichnet. Aber gerade diese Liebe ist eine wirkliche Liebe des Landes. Sie umhegt ihr Objekt; sie fällt nicht auf die Knie. Sie bewundert; aber sie bleibt auch auf Distanz zu dem, was nicht geht. Man muss nicht alles gutheißen, was in Deutschland und durch Deutsche geschah. Und trotzdem kann man dieses Land aus tiefstem Herzen verehren.

Wahrer Patriotismus beginnt, wenn man sich für das geliebte Objekt verantwortlich fühlt. Wenn man umhegt. Wenn man pflegt. Wenn man die dunklen Seiten erkennt und in wachsamer Treue das Geliebte begleitet.

Das alles ist mit Arbeit, mit sehr viel Arbeit verbunden. Aber erinnern wir uns: Dieses Land ist nicht nur durch Melodien und leidenschaftliches Denken zur Größe gelangt; es gibt auch noch Zähigkeit, Fleiß und Messerschärfe im Denken – Eigenschaften, die man gleichfalls typisch deutsch nennen kann. Geschick ist gefragt. Doch gerade im rationalen Denken hat Deutschland es immer wieder zu Großem gebracht. Heute brauchen wir es, um uns selber zu retten. Das aber ist kein Hurrapatriotismus. Es hat viel mit sorgsamer Pflege, energischem Kümmern und schlussendlicher Rettung zu tun. Pflegen wir unsere Sprache, Kümmern wir uns um das Wiedererstarken von Traditionen, Retten wir Landschaft und Land. Holen wir uns unser Land zurück. Weil wir es lieben. Weil wir wissen, was richtig ist, für dieses aus den Fugen geratene Land.