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Dass Sozialdemokraten viel von Schulreformen, aber nichts von Schule verstehen, weiß jeder, der einen Blick in jene Bundesländer wirft, über die eine Schulreform hereinbrechen durfte: Hessen, Bremen und Hamburg können ein Lied davon singen. Aber Berlin verdient den Spitzenplatz, wenn nach den desaströsen Ergebnissen der Bildungsexperimente gefragt wird. Wie gesagt, das weiß jeder in dieser Stadt – aber die Sozialdemokraten machen weiter nach dem Motto: Das Problem ist nicht die Reform, sondern dass die Reform nicht gründlich genug durchgeführt worden ist. Sie reformieren eilfertig weiter, wo andere mit der Selbstkritik anfangen würden.

Die neueste Reform betrifft ein traditionelles Utensil aus der Schule; vielleicht das Schulutensil überhaupt: Die Kreide. Sie soll, ums kurz zu sagen, verschwinden. So lautet das Ziel der Sozialdemokraten in Lichtenberg. Nicht die Bildung wollen Sozialdemokraten fördern – sondern das Verschwinden von bewährten Unterrichtmitteln. Ein sogenanntes »interaktives Whiteboard« soll die Kreide ersetzen. Das modische Stichwort lautet: Digitalisierung der Schule. Als hätte die fortschreitende Digitalisierung den Bildungsstandard an Berlins Schulen jemals verbessert.

»Interaktive Whiteboards« sind eine Art Bildschirm, der an der Wand einer Klasse aufgehängt wird und auf den sich Inhalte des Computers darstellen lassen; zugleich können Lehrer und Schüler diese Whiteboards mit speziellen Stiften beschreiben; ein übergroßer Touchscreen also. Ob sich der Unterricht oder gar das Bildungsniveau an den Schulen dadurch verbessert, können die Sozialdemokraten natürlich nicht sagen. Sie vermuten es nur; die Fachleute sind dagegen sehr skeptisch. [1] Also wird sich durch diese Boards das Bildungsniveau an Berliner Schulen und auch in Lichtenberg wahrscheinlich überhaupt nicht verändern. Und wenn, dann womöglich noch weiter zum Schlechten.

Denn die Nachteile der »interaktiven Whiteboards« sind gravierend. Defekt, steht der Lehrer buchstäblich mit leeren Händen vor der wartenden Klasse; Unterrichtsausfall ist wieder mal angesagt; wegen »Störungen im Betriebsablauf« können die Spötter ergänzen. Lehrer, die mit der Software auf den Geräten nicht wirklich vertraut sind, werden scheitern; und die anderen sind mehr mit der Technik als mit den Schülern beschäftigt. Den Schulen angegliederte Computerfachleute sollen hier helfen; wer die bezahlt wissen wohl nur die Reformer der Sozialdemokraten. Dass die »interaktiven Whiteboards« bei einer Schule mit 40 Räumen im Jahr 14 Tonnen CO2 produzieren, sei nur noch am Rande erwähnt; denn die Geräte laufen mit Strom. Nachteile über Nachteile. Und dabei ist der pädagogische Nutzen nicht mal im Ansatz, eine lange Liste von Nachteilen aber schon lange bewiesen.

Wenn überhaupt, dann ist die Kombination aus »interaktiven Whiteboards« und Kreidetafeln eine vertretbare Lösung; in jedem Klassenraum gäbe es demnach zwei Tafeln; so wird das auch von Fachleuten und Lehrern gesehen. In keinem Fall aber ist die Forderung des Direktkandidaten der Sozialdemokraten nach totaler Abschaffung sämtlicher Kreidetafeln irgendwie sinnvoll. Mit seiner griffigen Rede von der »kreidefreien Schule in Lichtenberg«, beweist Herr Hönicke daher ganz zuerst seine profunde pädagogische und technische Dummheit. Er opfert im Interesse einer plakativen sprachlichen Wendung – »kreidefrei Schule« – den sinnvollen Schulunterricht. Kurz gesagt: Die Bildung der Schüler ist ihm egal.

Doch wen wunderts. Herr Hönicke ist Parteipropaganda wichtiger ist als das Arbeitsklima von Lehrern und Schülern. Denn sein Streben geht in eine andere Richtung. Wir wollen ihm nicht gleich unterstellen, dass er an der Einrichtung der technischen Hilfsgeräte verdiente; aber Kevin Hönicke braucht einen Schuldigen für die Bildungsmisere, die seine Genossen Sozialdemokraten unserer Stadt und ihren Schülern und Lehrern über Jahrzehnte eingebrockt haben. Nach zahllosen Reformen liegt Berlin abgeschlagen am untersten Ende der bundesdeutschen Bildungstabelle. Schuld daran sind in den Augen der Sozialdemokraten aber nicht die von ihnen initiierten Reformen – die traditionellen Utensilien der Schulen sind Schuld. Heute ist es die Kreide. Morgen wahrscheinlich das »interaktive Whiteboard«, dessen Nachteile Herr Hönicke heute nicht kennt, aber morgen bei Bedarf nachreichen könnte.

Wir brauchen Reformen, soviel ist sicher. Aber wir beheben die Mängel in unserem Bildungssystem nicht, indem wir die Tafeln auswechseln. Zuerst müssen wir die Politiker auswechseln. Denn die wirklichen Schuldigen an der Bildungsmisere sind eben diese Reformer und ihre Reformen. Kevin Hönicke ist nur einer von vielen. Sie haben ein einstmals erfolgreiches Bildungssytem ins Desaster gesteuert. Es wird Zeit, dass sie gehen. Dann kann wirklich sinnvolles Lernen beginnen. Ein Lernen, bei dem auch wirklich gelernt wird.